Der Kreis Göppingen hat sich in den letzten Jahren zu einem Rückzuggebiet für Neonazis entwickelt. Seit 2012 nutzen die Nazis den Landkreis verstärkt auch als Aufmarschgebiet für Kundgebungen und Demonstrationen. Doch nicht nur rechte Propaganda über Aufkleber, Plakate und Flugblätter sind im ganzen Kreis verbreitet, sondern mittlerweile auch gewalttätige Übergriffe und Mordversuche. Die “Autonomen Nationalisten Göppingen” tun sich bei diesen Aktionen besonders hervor.
Autonome Nationalisten (AN)
Diese neue Erscheinung innerhalb der Neonaziszene ist besonders gewalttätig und radikal, daher betrachten sie Parteien wie die faschistische NPD als zu bieder und brav. Sie organisieren sich dezentral in Gruppen von 10 bis 20 Mitgliedern ohne jegliche Partei- und Vereinsstrukturen. Auch ohne überregionale Verbandsstrukturen haben die einzelnen Gruppen intensiven Kontakt untereinander, um z.B. gemeinsam auf Demonstrationen oder zu anderen Aktionen zu mobilisieren. Die “Autonomen Nationalisten” bedienen sich bei ihren Parolen, Kleidungsstilen, Symbolen und sonstigen Codes statt der Symbolik des Dritten Reiches aus der linken Szene und anderen subkulturellen Bewegungen. So erscheinen sie schick und modern, ohne dass sie im Alltag als Nazis auffallen. Manchmal sind sie eher mit Linken oder Skatern zu verwechseln. Doch auch wenn sie ihr Outfit gewechselt haben steckt in ihnen die gleiche menschenverachtende Ideologie wie in den anderen Nazis.
AN Göppingen
Die “Autonomen Nationalisten Göppingen” sind eine neofaschistische Gruppierung, bestehend aus hauptsächlich jungen Erwachsenen. Sie sind nicht nur regional gut vernetzt, sondern haben auch deutschlandweit Kontakte zu anderen Nazis, wie z.B. zu der im August 2012 verbotenen Kameradschaft “Nationaler Widerstand Dortmund”. Bundesweit nehmen sie an faschistischen Aufmärschen teil, beispielsweise als namentlich gekennzeichneter Block aus Göppingen am 1. Mai 2010 in Schweinfurt. Sie holen aber auch ihre braunen Kameraden in den Kreis, wie z.B. am 6. Oktober in Göppingen, als auf der Nazidemo unter anderem “Ein Baum, Ein Strick, Ein Judengenick” gerufen wurde. Zu diesen Aufmärschen kamen auch diejenigen Nazis, die in Winterbach bei Schorndorf im April 2011 eine Gartenlaube anzündeten, nachdem sie dort fünf Menschen eingesperrt hatten. Obwohl die AN Göppingen nach Außen ein “autonomes” Image pflegen, arbeiten sie vor Ort eng mit der NPD sowie deren Jugendorganisation JN zusammen.
Aktivitäten der Nazis
Ihre faschistische Hetze verbreiten sie seit etwa 2010 durch das Verteilen von Flugblätter, Wurfsendungen in Briefkästen, Anbringen von Transparenten und Plakaten z.B. an Schulen, Verkleben von Sticker oder durch Schmierereien. Sie nehmen nicht nur an Kundgebungen und Demonstrationen in ganz Deutschland teil, sondern versuchen in Göppingen immer wieder sich durch Demonstrationen zu profilieren. Allein 2012 gab es fünf öffentlich angekündigte Demonstrationen der Nazis im Kreis, die spontan durchgeführten nicht mitgezählt. Sie drohen Antifaschisten mit Sprüchen wie “Dein Gesicht merk ich mir” oder “Wir wissen wo du wohnst”. Politische Gegner werden fotografiert. Dabei bleibt es aber nicht: Mitte 2011 wurden die Bremsen des Autos eines Göppinger Stadtrates manipuliert und ein Brandsatz vor seiner Haustür deponiert. Im März 2012 erhielt derselbe Stadtrat eine Morddrohung, in der es heißt: “Diesen Zigeuner werden wir in nächster Zeit abknallen und durch den Kamin jagen.” Im Januar 2012 bedrohten sie verbal einen Antifaschisten mit “bald bist du fällig”. Eine Anzeige wurde erstattet, doch die Ermittlungen wurden eingestellt. Im Juni überfielen drei Nazis dann genau diesen Jugendlichen brutal von hinten in Geislingen und nur die Zivilcourage der Anwohner bewahrte ihn vor Schlimmerem. Auch auf dem Fest für Vielfalt der Stadt Göppingen pöbelten Nazis in aller Öffentlichkeit Mitglieder des Bündnis Kreis Göppingen Nazifrei an.
Zusammenfassung
Die regionalen Faschisten fallen vor allem durch ihren Aktionismus auf. In ihrer Propaganda nutzen sie Ängste z.B. gegenüber Zeitarbeit und kapitalistischer Ausbeutung aus, um gegen vermeintlich Schuldige wie Juden oder MigrantInnen zu hetzen. Ihr Ziel ist es in Göppingen eine “national befreite Zone” zu schaffen, in denen all jene keinen Platz haben, die nicht in ihr menschenverachtendes Weltbild passen. Dabei schrecken sie vor Gewalt nicht zurück, können jedoch nicht ohne Gegenwehr und Polizeischutz ihre Kundgebungen durchführen. Mit diesen häufig vorkommenden Demonstrationen beanspruchen sie den öffentlichen Raum für ihre faschistische Hetze. Dadurch wollen sie sich profilieren und ihr Ansehen in der rechten Szene steigern. Sie spekulieren darauf, dass durch wiederholtes Auftreten in der Öffentlichkeit, es irgendwie zum Alltag werden wird, sich als Nazi offen und unbehelligt auf der Straße bekennen zu können. Damit werben sie auch schlussendlich für neue Mitglieder. Trotz allem sind sie bisher eher eine schlechte Kopie ihrer Vorbilder wie der Autonomen Nationalisten aus Großstädten wie Dortmund und sind lokal auf die Unterstützung von NPD Mitgliedern angewiesen.
Einschätzung
Die Göppinger Nazis gehören mittlerweile zu den aktivsten in ganz Baden-Württemberg. Während in der ganzen Region von Stuttgart bis Ulm die Nazis kaum einen Fuß auf die Straße bekommen, können sie hier seither tun und lassen was ihnen gefällt. Daran änderte auch nichts das dem Wahlkampf geschuldete Verbot der Nazidemo vom 6. Oktober: Es wurde durch das Verwaltungsgericht Mannheim gekippt und 2000 Polizisten sorgten durch direkter Konfrontation mit antifaschistischen DemonstrantInnen dafür, dass 152 Nazis durch Göppingen marschieren durften. Wenn die Gerichte ihnen den Vortritt geben, die verantwortlichen Politiker sich drücken und die Polizei ihnen den Weg frei räumt, werden sie leider wieder und wieder kommen, wenn wir nichts dagegen tun.
Was also tun?
Ein Wegschauen, Daheimbleiben, Ignorieren oder die kalte Schulter zeigen können wir uns nicht erlauben. Ein Drittes Reich, das für Dutzende von Millionen Menschen den Tod bedeutet, reicht vollkommen aus, wir brauchen nicht nochmal eines. Ein Lehre der Naziherrschaft ist, von Anfang an den Faschisten aktiven, vielfältigen und konsequenten Widerstand entgegenzusetzen.
Für die antifaschistische Arbeit sollten möglichst viele Menschen auf verschiedenen Ebenen eingebunden werden und miteinander arbeiten. Wir verlassen uns dabei jedoch nicht auf allgemeine Lippenbekenntnisse, die Polizei oder Stadtverwaltung, sondern engagieren uns selbst. Dabei kann jeder einzelne schon etwas tun: Naziaufkleber oder -plakate entfernen oder dem Rassismus im Alltag entgegentreten. Faschistische Aktivitäten können auch uns mitgeteilt werden, damit die Öffentlichkeit davon erfährt. Spenden, helfende Hände z.B. beim Flugblattverteilen und viele Besucher bei antifaschistischen Veranstaltungen sind immer willkommen. Wenn du mehr tun möchtest, kannst du auch bei uns in der Antifaschistischen Gruppe Göppingen aktiv werden. Wenn viele Menschen zusammenarbeiten, kann viel erreicht werden!
Neben Aufklärung, antifaschistischer Präsenz in der Öffentlichkeit und eigenen Aktionen ist eine gemeinsame Praxis zur Verhinderung von öffentlichem, faschistischem Auftreten richtig und wichtig. Hier können wir an die Erfahrungen der wachsenden antifaschistischen Protesten gegen die seitherigen Nazidemos anknüpfen. Erfolgreiche Ideen oder Aktionen aus anderen Städten wie Blockaden dieser Demos durch Massen friedlicher Menschen müssen auch in Göppingen erprobt werden. Darüber hinaus müssen die faschistischen Strukturen kontinuierlich aufgedeckt und organisiert bekämpft werden!
Antifaschistische Gruppe Göppingen

