Johann Gahr, wir haben an dich gedacht!

Hans, Margarete und Johann Gahr als Mitglieder des Rotfrontkämpferbundes

Über 70 Menschen gedachten heute am Montag vor dem Göppinger Knast an Johann Gahr. Dieser wurde am 20.1.1939 von Nazischergen im Gefängnis zu Tode gefoltert. Sein Tod wurde nie aufgeklärt, niemand musste Rechenschaft ablegen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Kripo wurden eingestellt bzw. gar nicht ernsthaft begonnen. Das war kurz nach dem Krieg und oft ist dieser Umstand aus vielen anderen Fällen auch von heute bekannt. In diesem Zusammenhang sei nur auf das jahrelange Morden des NSU hingewiesen oder das Verschweigen von rassistischen Motiven bei Ermittlungen oder Gerichtsverfahren im Allgemeinen. Es sprachen Janka Kluge von der VVN-BdA Baden-Württemberg. Sie erinnerte an die antifaschistischen Tätigkeiten von Gahr. Der in der Göppinger Arbeiterschaft bekannte Kommunist war maßgeblich an den Protesten gegen eine Versammlung der NSDAP 1922 beteiligt. Die Auseinandersetzungen wurden später als die “Schlacht am Walfischkeller” bekannt.

Eine Lehre aus der faschistischen Diktatur ist, den Anfängen zu wehren. Deshalb warnte sie ausdrücklich vor den neofaschistischen “Autonomen Nationalisten” in Göppingen. Die Erfahrung aus anderen Städten lehrt “dass es um Einiges einfacher ist, das Entstehen einer organisierten rechten Szene zu verhindern, als erst zu reagieren, wenn diese Fuß gefasst haben.” In diesem Zusammenhang betonte sie die Wichtigkeit der Zusammenarbeit aller Nazigegner ohne ein gegenseitiges Ausgrenzen. Ein antifaschistisches Bürgerfest in der Fußgängerzone habe genau den gleichen Sinn und Berechtigung wie die zivilen Blockaden einer möglichen Naziroute, wie es erst am vergangenen Samstag in Magdeburg praktiziert wurde. Denn Faschismus ist nach wie vor keine Meinung, sondern immer noch ein Verbrechen.

Als zweiter Redner wartete Klaus Maier-Rubner mit neuen Forschungsergebnissen auf.  Er berichtete, dass Gahr 1936 vom Donzdorfer Oskar Schneider an den Stuttgarter Gestapo-Beamten Ludwig Thumm verraten wurde. Er habe ein illegales antifaschistisches Braunbuch weitergereicht. Erst dessen Stellvertreter Strehle ließ dann am 19.1.1939 fünf Göppinger Antifaschisten darunter Gahr verhaften. Dieser kam einen Tag später im Gefängnis zu Tode. Offizielle Todesursache sei Selbstmord gewesen. Seine Frau Margarete kannte jedoch einige Indizien dagegen, unter anderem wies Gahr an den Schläfen Schlagstockspuren auf. Im Verfahren gegen Schneider wurde sein Tod nicht thematisiert. 1949 ermittelte die Göppinger Kripo, die Ergebnisse wurden jedoch nicht festgehalten, es kam zu keinem Gerichtsverfahren. Der damals im Gefängnis tätige Wachtmeister Keckeisen wurde jedoch im Zusammenhang von Gahrs Tod der Falschaussage überführt, entzog sich aber weiteren Ermittlungen durch Selbstmord.

Abschließende und sehr persönliche Worte aus dem Leben ihrer Familie fand Sonja Müller, die aus Bayern angereiste Enkelin von Gahr. Sie bedankte sich bei allen Besuchern und den Veranstaltern für das Gedenken an ihren Großvater. Zur Kundgebung hatte die VVN-BdA und wir die Antifaschistische Gruppe Göppingen aufgerufen.

 

Ankündigungen in der Presse:
Stuttgarter Zeitung
NWZ
 
Bericht in der Presse:
NWZ
 
Fotos:
Beobachter
 
Redebeiträge:
von Klaus Maier-Rubner, bzw. alle neuen Forschungsergebnisse zu Gahr: Stolpersteinitivative
Redebeitrag Janka Kluge
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