In den “Antifa Nachrichten”, Zeitung der baden-württembergischen VVN-BdA, erscheinen oft sehr interessante Artikel. In der Novemberausgabe war jedoch einer, den wir jedoch für so wichtig finden, dass wir ihn hier mit freundlicher Genehmigung wiedergeben:
Göppingen unterm Hakenkreuz
Naziterror und Widerstand in der Hohenstauferstadt
„Das rote Göppingen“ – Die Hohenstaufenstadt vor 1933
Die frühere Stauferstadt Göppingen erlebte während der Industrialisierung ein starkes Bevölkerungswachstum und nahm den Charakter einer Arbeiterstadt an, in der bereits im Jahr 1848 die erste Arbeiterorganisation gegründet wurde.
Nach der Spaltung der Sozialdemokratie während des Ersten Weltkriegs, war auch in Göppingen die Arbeiterbewegung in ihrer politischen Vertretung gespalten: in MSPD und USPD, später in SPD und KPD. Das Bürgertum war überwiegend liberal gesinnt, so dass die DDP (Deutsche Demokratische Partei) über Jahre hinweg eine wichtige Rolle in der Kommunalpolitik spielen konnte.
Der Nazi-Bewegung fiel es hingegen schwer in Göppingen Fuß zu fassen: ihr erster Versuch, in Göppingen öffentlich aufzutreten, endete kläglich und ging als „Schlacht am Walfischkeller“ in die Geschichte ein: Im Jahr 1922 war eine kleine rechte Splitterpartei namens NSDAP vor allem in Bayern verankert und versuchte ihren Aktionsradius auszuweiten. Dazu sollte in Göppingen, und damit zum erstem Mal überhaupt in Württemberg, der NSDAP- Agitator Max Weber aus München, im „Hotel zu den Aposteln“(heute Edeka in der Unteren Marktstraße) am 11. Dezember 1922 einen Vortrag halten. Begleitet wurde er von einem Stoßtrupp bewaffneter SA-Männer, darunter auch den späteren „Stellvertreter des Führers“ Rudolf Heß und einer Krankenschwester. Nachdem der ursprüngliche Veranstaltungsort abgesagt wurde, versuchten sie die Gaststätte „Walfischkeller“ zu nutzten, wobei sich ihnen v.a. Gewerkschafter und Kommunisten in den Weg stellten. Die Nazis setzten hierbei schnell ihre mitgebrachten Schusswaffen ein, so dass es auf Seiten der Antifaschisten mehrere Schwerverletzte gab. Für die Nazis war der 11.Dezember 1922 ein Desaster, allerdings hatte dieser Tag für die beteiligten Antifaschisten ein juristisches Nachspiel: sie wurden zu relativ hohen Strafen verurteilt, während die Nazis von allen Vorwürfen freigesprochen wurden.
Auch in der Endphase der Weimarer Republik hatten die Nazis in Göppingen einen schweren Stand: Zwar hatten sie auch hier zunehmend mehr WählerInnen, doch insgesamt weitaus weniger, als im Landes- und Reichsdurchschnitt. In Göppingen erreichte die NSDAP bei der Reichstagswahl 1932 nur noch 18,5 % (im Vergleich zu den 21,7 % ein halbes Jahr zuvor), während die SPD auf 23,7 % kam, die KPD auf 20,3 % und alle anderen Parteien unter 10 % lagen. (Die DDP kam z.B.nur noch auf 7,9 % im Vergleich zu den 20 %, die sie noch 1930 erreichte.)
Die Nazis an der Macht: Göppingen 1933-1945
Auch der 30. Januar 1933, der Tag der Machtübergabe an Hitler und seine faschistisch-deutschnationale Koalitionsregierung, war für die Göppinger Nazis kein Ruhmesblatt: Während in Berlin der berüchtigte Fackelmarsch am Brandenburger Tor stattfand, organisierte die lokale KPD eine antifaschistische Demo mit ca. 300 TeilnehmerInnen. Doch das kurz darauf folgende Verbot erst aller KPD-, dann aller SPD-Veranstaltungen verbunden mit Verhaftungswellen im März 1933, schaffte es, auch in Göppingen den sichtbaren Widerstand gegen die sich etablierende faschistische Diktatur zum Schweigen zu bringen. Die Verhaftungen von Nazigegnern waren meist mit Einweisungen in die sog. wilden Konzentrationslager verbunden, v.a. in die Lager Oberer Kuhberg bei Ulm und Stetten am Kalten Markt. Die Haftzeit dauerte meist „nur“ einige Wochen oder Monate, die dort durchlittenen Qualen reichten aber als Einschüchterung bei nicht wenigen aus.
Zwei Göppinger Nazigegner mussten allerdings für ihre Einstellung mit dem Leben bezahlen: der Kommunist Johann Gahr wurde am 19.Januar 1939 verhaftet und einen Tag später im Gefängnis des Göppinger Amtsgerichts vermutlich zu Tode gefoltert. Da er ein bekannter Teilnehmer der„Schlacht am Walfischkeller“ war gibt es die Vermutung, so der ehemalige Göppinger Kreisarchäologe Walter Lang, dass sich der NS-Kreisleiter Imanuel Baptist an ihm rächen wollte. Auch ein weiterer Göppinger Nazigegner sollte den Tag der Befreiung nicht erleben dürfen: Albert Schuler, ein Unternehmer, der sich im Umfeld der „Weißen Rose“bewegte, wurde am 3. Juli 1943 von der Stuttgarter Gestapo verhaftet, dem sog.Volksgerichtshof in Berlin überstellt und schließlich am 10. Dezember 1943 hingerichtet.
Nachdem die Nazis bereits in den ersten Monaten ihrer Herrschaft ihre entschiedensten Gegner aus dem Weg geräumt hatten, konzentrierten sie sich auf die Diskriminierung und Verfolgung der Menschen, die gemäß ihrem Rassenwahn als nicht „arisch“ eingestuft wurden.
Dazu gehörten in erster Linie Juden und Jüdinnen: am 1. April 1933 kam es auch in Göppingen zu einem Boykott jüdischer Geschäfte. Die Diskriminierung steigerte sich in den folgenden Jahren immer mehr, bis sie schließlich in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1933 ihren unübersehbaren gewalttätigen Ausdruck fand. Die im Jahr 1881 eingeweihte Synagoge in der Freihofstraße wurden von Mitgliedern der Geislinger SA angezündet, die Göppinger Feuerwehr wurde am Löschen gehindert und die Ruine der einst prachtvollen Synagoge schon nach wenigen Tagen beseitigt.
Die Reichspogromnacht markierte den Übergang von der Diskriminierung und Vertreibung zur Vernichtung. Auch jüdische Menschen in Göppingen, die nicht mehr rechtzeitig fliehen konnten, waren davon betroffen: am 27 und am 28. November 1941 gingen die ersten Transporte von Juden und Jüdinnen erst zum Sammellager Killesberg ins Stuttgart, dann in den Osten zu Massen-erschießungen oder Vernichtungslager. Weitere Deportationen von Göppinger Juden und Jüdinnen folgten im April und August 1942, der letzte Transport ging noch im Februar 1945 ins KZ Theresienstadt. Insgesamt wurden so 92 Mitglieder der Jüdischen Gemeinde ermordet, nur neun der insgesamt 101 Deportierten erlebten das Ende der Nazi-Herrschaft im Mai 1945.
Auch die im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma, von den Nazis „Zigeuner“ genannt, waren ab dem 16. Dezember 1942, dem sog. Auschwitz-Erlass des „Reichsführers SS“ Heinrich Himmler, zur Vernichtung vorgesehen. In Göppingen wurden so insgesamt sechs Menschen, darunter zwei kleine Kinder, verschleppt und ermordet. Wie so oft bei den Nazis, ging es auch hier bürokratisch korrekt zu. Da eines der ermordeten Kinder zuletzt in der Obhut des Kreisjugendamtes Göppingen war, bekam dieses ein Schreiben aus dem KZ Auschwitz mit der lapidaren Mitteilung: „Das Mündel Rita Reinhardt, geb. am 4.12.1941, ist am 2.5.1943 im hiesigen Lager, verstorben.“
Für körperlich oder geistig Behinderte sahen die Nazis ein ähnliches Schicksal vor: die Insassen der privaten Heilanstalt Christophsbad wurden per Fragebögen erfasst, in Berlin wurden diese in der „Euthanasiezentrale“ in der Tiergartenstr. 4 ausgewertet und schließlich Transportlisten erstellt, nach denen behinderte Menschen über eine Zwischenstation in die Tötungsanstalten Grafeneck (bei Reutlingen) und Hadamar (bei Limburg an der Lahn) gebracht wurden. Insgesamt fielen so zwischen April und Dezember 1940 175 Insassen der Heilanstalt Christophsbad der sog. Euthanasieaktion zum Opfer.
Der Vormarsch der Alliierten im Frühjahr 1945 brachte schließlich auch den Schrecken des Luftkrieges nach Göppingen: am 1. März 1945 wurde die Stadt bombardiert, wobei 293 Menschen ihr Leben verloren. Der Einmarsch der US-Armee wenige Wochen später, am 20. April 1945, brachte nicht zuletzt auch den ZwangsarbeiterInnen das Ende ihrer Gefangenschaft: über 1500 Männer und Frauen aus der Sowjetunion, aus Polen, aber auch aus Holland mussten in Göppinger Fabriken und auf Feldern für das Land arbeiten, das ihre Heimat überfallen hatte.
Göppingen heute
Fast 70 Jahre nach Kriegsende erinnert wenig an das „rote Göppingen“ von einst: Zwar gibt es erfreulicherweise eine ausgeprägte Gedenkkultur, man denke z.B. an die Stolperstein-Initiative oder an Veranstaltungen im Jüdischen Museum, doch wenn es um das Treiben von heutigen Faschisten geht, hat die Stadt Göppingen leider die Totalitarismus-Doktrin übernommen und kürzlich sogar den „Runden Tisch gegen Rechts“ in „Runden Tisch gegen Extremismus“ umbenannt! Den Opfern und den mutigen GegnerInnen der Nazi-Diktatur wird sie so sicher nicht gerecht.
Autor: Jörg Rebhan, erschienen in Antifa-Nachrichten Nummer 3 im November 2014, Hrsg. VVN-BdA Württemberg e.V.
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